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Begegnung mit sich selbst

erschienen am 27. Mai 2022 in der Süddeutschen Zeitung

Der Fotograf Mario Steigerwald war ein Meister darin, schreckliche Erinnerungen zu verdrängen. 50 Jahre lang führte er ein ganz normales Leben. Dann erwachte sein Trauma. In seiner Jugend war er gefoltert worden.

"Als Schüler hatte sich Steigerwald in seiner Heimat in Uruguay der kommunistischen Bewegung der Tupamaros angeschlossen. Er protestierte damit gegen die militärische Unterdrückung nach dem Staatsstreich im Juni 1973. "Ich hatte zwei Leben", erinnert er sich. Ein normales, in der Schule, bei seinen Eltern, und ein "namenloses" Leben, wie er es nennt, mit Barrikaden, Protestaktionen und Pamphleten. Doch seine Eltern kamen ihm auf die Schliche. Sie wollten ihren Sohn fortschicken, zu einer Tante in der Schweiz. Zuerst weigerte sich Steigerwald - bis er bei einer Barrikade schließlich festgenommen und verhört worden ist. Danach gab er dem Drängen seiner Eltern nach."

Barrikaden und Brücken aus Papier 

erschienen am 08. März 2022 in der Süddeutschen Zeitung

Die ukrainische Schriftstellerin Oksana Sabuschko liest im Münchner Literaturhaus gegen den Krieg an.
 
"Ihr Kampfgeist damals mahnt heute zur Hoffnung. Dabei befindet sich Sabuschko in einer ungeheuerlichen Lage. Als der russische Angriff begann, war die Autorin gerade verreist, nach Polen, für eine Lesereihe. [...] Am frühen Morgen kam dann der Anruf von ihrem Mann in Kiew. Alle Proteste über die frühe Uhrzeit erstickte ein einziger Satz: "Es hat angefangen, sie bombardieren uns." Der Zufall hat Sabuschko die Wahl genommen, ob sie in der umkämpften Ukraine bleiben oder das Land verlassen möchte. Heimatlos geht sie nun auf die Literaturbarrikaden. "Ich versuche alles zu tun, was ich kann", sagt sie im Telefongespräch mit der SZ. Sie könne hier wahrscheinlich hilfreicher sein, als von der Außenwelt abgeschnitten in einem Kriegsgebiet. Zudem sei der Aktivismus ein wichtiger Selbstschutzmechanismus. "Es hilft mir, mich hilfreich zu fühlen. Aber wenn ich aufhöre, fange ich einfach an zu weinen."" 

Der Wortakrobat

erschienen am 4. Februar 2022 in der Süddeutschen Zeitung

Frank Piotraschke kreist im Bühnenmonolog "Der Fänger" um eine aussichtslose Liebe in Zeiten des Nationalsozialismus.

"Die Sprachgewalt seines Textes und das dynamische Spiel sind genug, um die aufregende bunte Zirkuswelt ebenso in den Theatersaal zu bringen, wie den schmerzerfüllten Verhörraum der Gestapo. Mit einem poetischen Wortspielfeuerwerk wird den einzelnen Figuren eine romanhafte Tiefe gegeben und Erinnerungsfetzen von Tanzbären und Trapezen illustriert. So reichen ihm etwa Worte, ein Weinglas und seine Finger, um eine Varieté-Vorführung an der Stange auf die Bühne zu bringen. Echte Akrobatik vermisst in dem Stück niemand. Das Publikum macht seiner restlosen Begeisterung mit Klatschen, Johlen und sogar Stampfen Luft. Danach kehrt das Nachdenken und die Sprachlosigkeit zurück." 

Wie gemalt

erschienen am 26. April 2022 in der Süddeutschen Zeitung

Selbsterfahrungstrip mit Rundum-Wohlfühl-Paket: Bei den Artnight-Events kann man entspannt pinseln und plaudern - und jede Menge Gleichgesinnte kennenlernen.

"Doch schaut man genau hin, bietet die Artnight ein ausgeklügeltes Gesamterlebnis. Die Pausen nutzen die meisten, um die anderen kennenzulernen und Göpfel bietet an, die Teilnehmenden beim Malen in dem schicken Hotel zu fotografieren. Mit Artnight-Schürze und Pinsel posen sie vor der Kamera. Eine Hotelangestellte versorgt die Teilnehmenden fortwährend mit Getränken. Alle sind stolz auf ihre Werke und stoßen an. Eine Artnight ist kein Kunstkurs, sondern eine pittoreske Malparty. Frust gibt es nicht, nur Glitzer auf die Leinwand für die, die wollen." 

Glück au Chocolat

erschienen am 6. April 2022 in der Süddeutschen Zeitung

Das Ende der Fastenzeit naht. Zeit, die süßen Vorräte aufzufüllen. Wo man sich in München und Umgebung zart schmelzende Träume erfüllen kann.

"Wie Schmuckstücke sind die glänzenden und wie geschliffenen Pralinen in der Vitrine aufgereiht, schokoladige Tierfiguren schauen mit großen Augen auf eine Wand mit Schokoladentafeln mit kandierten Blüten, Früchten und Pistazien. Kerstin Spehrs Pralinenschule (Schulstraße 38) ist bis auf ein kunstvolles Schaufenster schlicht gehalten und lässt die sorgfältig hergestellte Ware für sich sprechen. Die Leidenschaft der Inhaberin und Patissier Kerstin Spehr für Schokolade ist groß: "Riecht gut, schmeckt gut, fühlt sich auf der Zunge gut an, man kann andere Menschen damit beglücken." Vor genau 20 Jahren hat sie den Laden eröffnet. Seit 16 Jahren gibt sie Kurse und auch an vier Büchern mit schokoladigen Rezepten hat sie schon mitgeschrieben. Ihre Pralinenjuwelen wird ihr trotzdem niemand abschauen. Außergewöhnliche Sorten wie Birne-Rosa-Pfeffer oder Orange-Karamell-Balsamico halten eine wahre Geschmacksexplosion bereit." 

 Bildnachweis: Patrick Tomasso on Unsplash